Sitz: Frankfurt am Main
Arthur Hübscher
Schopenhauer und Frankfurt
Er nahm, was die Einrichtungen der Stadt ihm boten, gerne hin. Er bediente sich der Sammlungen der „Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft“ (1817) und des „Physikalischen Vereins“ (1824), um sich die neuen Ergebnisse der mächtig aufstrebenden Naturwissenschaften in Anschauung und Experiment zu eigen zu machen. In der Kasinogesellschaft las er vor dem Abendessen die „Times“ und deutsche Literaturzeitungen, später trat er auch der Lesegesellschaft des 1848 neugegründeten Bürgervereins bei, in deren Räumen er gelegentlich auch Besucher empfing. Und wenn er
aus der kleinen Gegenwart in die größere Vergangenheit zurückgehen wollte, so konnte ihm nicht nur seine eigene umfangreiche Bibliothek behilflich sein, sondern immer wieder auch die Stadtbibliothek – trotz ihres damals recht bescheidenen Vermehrungsetats von jährlich 2.300 Gulden, trotz einer Öffnungszeit von wöchentlich sechs, später zehn Stunden und trotz des Fehlens vieler wichtiger Zeitschriften. Ein eigentümlicher Zufall hatte ihn in jungen Jahren mit dem Manne zusammengeführt, der in seiner ganzen Frankfurter Zeit an der Spitze der Stadtbibliothek stand, mit dem berühmten Historiker Johann Friedrich Böhmer. Es war 1818 in Rom, im Kreis der deutschen Künstler, wo Schopenhauers Spottreden über die Deutschtümelei, über das Konvertitentum seiner Landsleute Böhmer herausforderten. In Briefen an seine Freunde schrieb er, Schopenhauer sei „wirklich ein ziemlich völliger Narr“, oder, man müsse „zum Wohle des Volkes die gesamte Sippe der undeutschen und religionslosen Philosophen einsperren lassen“. Wir wissen nicht, ob der persönliche Gegensatz noch in die gemeinsame Frankfurter Zeit hineingedauert hat. Der Stadtbibliothek fühlte sich Schopenhauer jedenfalls durchaus verbunden. Er sprach von „dem kostspieligen, schönen und durch seinen Zweck ehrwürdigen Bibliotheksgebäude“, nur die in schlechtem Latein abgefaßte Inschrift „Studüs libertati reddita civitas“ fand seinen Tadel, sie enthalte in vier Worten drei Fehler und wäre dem Cicero wohl unverständlich.
Das steht in einer einleitenden Apologie seines Gutachtens über das geplante Frankfurter Goethedenkmal, mit dem er, einige Jahre nach seiner endgültigen Übersiedlung, kundtat, daß er teilzunehmen und mitzusprechen gedachte, wenn öffentliche Angelegenheiten die Stadt bewegten. Er förderte die Bestrebungen des 1841 neugegründeten Frankfurter Vereins gegen Tierquälerei, er wandte sich an den Kapellmeister Guhr mit der Bitte, gewissen Übelständen im Theater abzuhelfen, er gab einen genauen Bericht über die Straßenkämpfe im September 1848 zu Protokoll. Und zum 100. Geburtstag Goethes erhob er, wie er es in seiner Schrift „Über das Sehn und die Farben“ getan hatte, noch einmal seine Stimme für den Dichter. Er schrieb für das vom Rat der Stadt geplante Album zur Säkularfeier einen Beitrag, in dem er Goethes Farbenlehre gegen Newton aufs nachdrücklichste ins Recht setzte. Leider kam das Album nicht zustande. Schopenhauer suchte in Frankfurt keine Freunde, und doch fand er sie nach und nach. Er fand sie unter seinen Tischgenossen: den Lustspieldichter Georg Römer, dem wir anschauliche Erinnerungen an ihn verdanken, den Anwalt Martin Emden, seinen ständigen Berater in Rechtsfragen. Er fand sie später mehr und mehr unter den Verehrern, die ihn aufsuchten. Da war der Bankangestellte August Gabriel Kilzer, der ihm später einen liebevollen Nachruf gewidmet hat, da war Wilhelm Gwinner, sein nachmaliger Testamentsvollstrecker und erster Biograph; da war der Stadtrat Carlot G. Beck, dem er das wertvolle Manuskript des zweiten Bandes seines Hauptwerkes schenkte (es ist heute im Besitz des Schopenhauer-Archivs). Er fand seine Freunde schließlich unter den vielen Besuchern, die nach Frankfurt kamen und ihm verbunden blieben, als Schüler, als Anhänger, als Verkünder seiner Lehre: Julius Frauenstädt gehörte zu ihnen, dem er seinen literarischen Nachlaß und die Verlagsrechte seiner Werke vermacht hat, Johann August Becker, damals wohl der gründlichste Kenner seiner Philosophie, und der junge Münchner Adam von Doss, der an Innigkeit der Teilnahme alle anderen übertraf. Doss gilt ihm als Repräsentant kommender Geschlechter.
Allmählich bildet sich ein geschlossener Kreis von Anhängern, „Aposteln und Evangelisten“, wie Schopenhauer sagt; das Flüchtige und Zufällige früherer Beziehungen weicht den dauernden und festen Formen einer Schule, die manchmal allerdings, nach seinen eigenen Worten, schwer zu regieren war.
Viele andere aber kamen, die diesem engen Kreis nicht zugehörten, einfach um Bewunderung und Verehrung zu bezeugen. Es waren Männer aus dem Zürcher Kreis Richard Wagners, wie Franz Arnold Wille, Robert Hornstein oder Karl Ritter. Wagner selbst scheute den Besuch bei dem als unzugänglich verrufenen Philosophen, er sandte ihm nur ein Exemplar der Nibelungen mit der Widmung „Aus Verehrung und Dankbarkeit“. Aber Friedrich Hebbel kam zu einem langen Gespräch über seine Dramen, – die Judith, die Maria Magdalena. So rückt Schopenhauers Name mehr und mehr in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Frankfurt wird die Stadt seines Aufstiegs und seines beginnenden Weltruhms. Die Zeit des „Ignorierens und Sekretierens“ ist vorbei; „Der Nil ist in Kairo“, pflegt er jetzt zu sagen. Aufsätze und Bücher über seine Philosophie und Übersetzungen seiner Werke in fremde Sprachen erscheinen. Die ersten Vorlesungen an Universitäten kommen, die Universität Leipzig stellt die erste Preisfrage über Schopenhauers Lehre. Die Frankfurter Maler, Lunteschütz, Hamel und Göbel, der Schüler Courbets, halten sein Äußeres für die Nachwelt fest. Seine Tischgespräche finden den Weg in die Öffentlichkeit, in Romanen wird seine Lehre ausgewertet, alte und neue Anekdoten knüpfen sich an seine Person. Und was bisher noch nie geschehen war, daß man seinen Namen mit einem seiner Wohnorte in Verbindung brachte, jetzt wird er, ohne weiteres, zusammen mit dem Namen Frankfurts genannt: Der Rezensent, der Schopenhauer in England die Bahn gebrochen hat, bezeichnete ihn als „den misanthropischen Weisen von Frankfurt“, und Carl Rosenkranz, der Königsberger Ordinarius, dem er wertvolle Hinweise für seine Kant-Ausgabe gegeben hatte, schrieb von der „Schilderhebung eines Kaisers der Philosophie“ in Frankfurt a. M., – der Stadt, in der die deutschen Kaiser gekrönt wurden. Schopenhauer ließ sich den Spaß behagen.
Die Stadt war ihm mehr geworden als ein guter Ort für eine Eremitage. In ihrer weltoffenen, von Tätigkeit und Wohlstand erfüllten Atmosphäre gedieh nun auch die Arbeit an seinem eigenen „Philosophen für die Welt“ zum guten Ende; – so nannte er scherzhaft sein Spätwerk, nach dem Aufklärungsphilosophen J. J. Engel. Die beiden Bände der „Parerga und Paralipomena“ enthalten nicht nur ergänzende Betrachtungen zu seinem Hauptwerk, Anwendungen seiner Lehre auf alte und neue Daseinsgebiete. Sie beenden eine Entwicklung, die in der norwegischen Preisschrift mit einer ausführlicheren Behandlung der sogen. praktischen Philosophie eingesetzt hat. Die „Aphorismen zur Lebensweisheit“, die den Abschluß des ersten Bandes bilden, gelten dieser praktischen Philosophie; sie sollen unser Sein und Sinnen nicht über Tag und Stunde hinausheben, sondern den Tag selbst leiten, mit seinen Schwierigkeiten, seinen Nöten und vielfältigen Erfordernissen. Der Denker spricht von den unmittelbaren Anliegen eines Jeden, er weist den Weg zur Meisterung der täglichen Aufgaben und den Weg zur inneren Ruhe. Die horazische Gelassenheit und Heiterkeit, die über diesem letzten Werke liegt, ist nicht, wie man geglaubt hat, auf einer neuen Entwicklungsstufe in Schopenhauers Denken erreicht worden; sie bedeutet kein Hinübergehen von der metaphysisch-ethischen Grundhaltung seiner Lehre in ein neues Lebensgefühl, das man im Biedermeier und vielleicht sogar im Diesseits-Evangelium des Jungen Deutschland wiederfinden könnte. Die Aphorismen haben, nach Schopenhauers Worten, einen bedingten Wert, den Wert einer Anpassung an den gewöhnlichen empirischen Standpunkt, die doch ihren Nutzen haben kann. Wir wissen, daß er selbst von Jugend an diesem empirischen Standpunkt Rechnung getragen, daß er sich immer wieder die Lebens- und Führungsregeln vergegenwärtigt hat, nach denen er seinen Tag bewältigte. Er war kein weltfremder Gelehrter, er hat sich in der Welt behauptet. Warum aber, so fragt man, kommen die längst aus den Zufällen des Lebens und aus Begegnungen mit Menschen gewonnenen Beobachtungen und Einsichten nun erst in den Aphorismen zu einer letzten Reife? Ist es nicht so, daß diese Reife kaum an einem anderen Ort so zwanglos errungen werden konnte wie in der Umwelt seiner Wahlheimat? Der kaufmännische Geist, der ihm von seinem Elternhause her vertraut war, das nüchtern-praktische Denken und Handeln, die Kunst der Menschenbehandlung, hier, in der Luft der alten Messeund Handelsstadt, war es zu finden als eine altehrwürdige bewährte Lebensform, die manchen Zügen seines eigenen Wesens freundlich entgegenkam.
Sein Mitleben in vielen Gegebenheiten seiner Umwelt aber hat ihn aus der letzten Einsamkeit des Genies so wenig heraustreten lassen, wie die „Komödie seines Ruhmes“, die man in den letzten zehn Jahren seines Lebens aufführte; er kam sich dabei vor wie der Lampenputzer, der beim Aufgehen des Vorhangs noch in zufälliger Verspätung auf der Bühne stand. Er stand mitten in der Gesellschaft, er war vertraut mit allem, was sie trägt; man sah ihn an der Wirtstafel, im Theater, im Konzert, bei Kunstausstellungen im Städel, aber wenn es um das Große, das Eigentliche ging, sah er sich immer wieder auf sich selbst zurückverwiesen. Er lebte, im höheren Sinne, noch immer incognito. Er erfuhr keine öffentlichen Ehrungen, man verlieh ihm keine Orden und Ehrenzeichen, seine Festtage gingen still vorüber, ohne Feiern, ohne daß die Zeitungen Anlaß gefunden hätten, sich mit ihm und seinem Lebenswerk zu beschäftigen, – nur daß er einmal einen Unfall hatte und sich an der Stirn verletzte, wurde in einer Notiz im „Frankfurter Museum“ kurz vermerkt. Ergreifend die Geburtstagsfeier des Jahres 1849. Der einzige Frauenstädt hatte des 22. Februar gedacht und ihn beglückwünscht. Schopenhauer, tief gerührt, erwiderte, ein einziger, aus wahrer Hochachtung entspringender Glückwunsch sei ihm mehr wert als hundert von Interesse oder bloßer Höflichkeit oder Heuchelei eingegebene, wie sie den Großen und Reichen dargebracht werden. Auch der siebzigste Geburtstag brachte nur wenige Briefe auswärtiger Freunde und Verehrer. Der Tag verlief wie alle anderen. Wir schlagen die „Didaskalia“ vom 23. Februar 1858 auf, dem Tag nach dem Feste: Wir lesen von dem Vorschlag eines Unternehmers, in den Zügen einer französischen Eisenbahngesellschaft Speisewagen einzurichten, wir lesen, daß einem preußischen Prinzenpaar ein Dompfaff geschenkt worden sei, dem man zur Freude der Höchsten Herrschaften die preußische Nationalhymne beigebracht habe; ausführlich wird über die Aufführung des Effektstückes „Nacht und Morgen“ von Charlotte Birch-Pfeiffer berichtet – von Schopenhauer keine Zeile.
Er starb am 21. September 1860. Nur wenige Näherstehende folgten seinem Sarge. Und soviel wir wissen, gab es nur eine einzige würdige Gedenkfeier, bei einer Sitzung des Freien Deutschen Hochstifts, das ein Jahr vor Schopenhauers Tod von Otto Volger gegründet worden war: Man hatte die von der Bildhauerin Elisabeth Ney vor Jahresfrist geschaffene Büste Schopenhauers aufgestellt; der Vorsitzende des Hochstifts widmete dem Toten ergreifende Worte, er sprach die Überzeugung aus, daß Schopenhauers Größe einmal allseitig werde gewürdigt werden, wenn der Kampf der Leidenschaften im Widerstreit abweichender Richtungen und Meinungen vergessen sein werde. Wenige Monate nach Schopenhauer, am 6. Dezember 1860, starb Marianne von Willemer – sie liegt in seiner Nähe auf dem Hauptfriedhof begraben. So bezeichnet das Jahr 1860, mit dem die Beziehung Schopenhauers zu Frankfurt endet, auch das Ende einer lebendigen, noch in persönlicher Zeugenschaft fortwirkenden Goethe-Tradition. Das Jahr 1860 ist aber nicht nur ein Jahr des Endes, es ist zugleich ein Jahr des Anfangs: Es setzt den Beginn einer neuen, dauernden, immer engeren und verständnisvolleren Beziehung der Stadt zu dem großen Manne, der in ihren Mauern wohnte. Dem Frankfurt der Jahre 1833 bis 1860 konnte die einzigartige Bedeutung des „Permissionisten“ kaum bewußt werden, der alle sieben Jahre eine neue Aufenthaltserlaubnis einzuholen hatte. Der Umschwung im öffentlichen Bewußtsein kam nach seinem Tode. Nur am Rande verzeichnen wir, daß Frankfurt schon im Jahre 1877 eine Straße mit Schopenhauers Namen benannt hat – wohl die erste Schopenhauer-Straße in einer deutschen Stadt -, daß man ihm nach seinem 100. Geburtstage, 1888, zwei Denkmäler errichtet hat, eines in den Anlagen des Rechneigrabens, ein anderes auf der Attika des westlichen Flügels der Stadtbibliothek, deren Inschrift später erst, i. J. 1939, in Schopenhauers Sinn geändert wurde: Litteris recuperata libertate civitas. Es geht uns um das wachsende Bewußtsein einer inneren Zugehörigkeit dieses sonderbaren Mannes zu unserer Stadt. Schopenhauer selbst hat noch in seinem Testament für diese Zugehörigkeit gesprochen. Er hat der Stadtbibliothek sieben Daguerrotypen seiner Person übereignet, fixierte Spiegelbilder, die uns, anders als die späteren Photographien, eine Vorstellung vermitteln, wie er wirklich ausgesehen hat. Mit diesem Vermächtnis hat er selbst die Stätte benannt, die das Andenken an seine Person in Zukunft wahren und pflegen sollte, und die Bibliothek hat diese Aufgabe gerne übernommen: Sie hat die ersten Grundlagen einer Schopenhauer-Sammlung geschaffen und diese Sammlung im Laufe der Jahre und Jahrzehnte aufs schönste ausgebaut. Gewiss: Das Schopenhauer-Archiv im eigentlichen Sinne wurde erst später, ein halbes Jahrhundert nach dem Tode des Philosophen geschaffen, im Zusammenhang mit der Gründung der Schopenhauer-Gesellschaft durch Paul Deussen, den Kieler Philosophen und Indologen, den Jugendfreund Nietzsches. In der Satzung wurde das Ziel der Gesellschaft festgelegt, „das Studium und Verständnis der Schopenhauerschen Philosophie anzuregen und zu fördern“, – diesem Ziele sollte auch das in Kiel gegründete Schopenhauer-Archiv dienen, das sich aus den Zufälligkeiten erster Schenkungen und Ankäufe heraus verhältnismäßig rasch entwickelte. Aber was lag näher, als die beiden ihrem Aufgabenkreis nach eng verwandten Sammlungen zusammenzubringen? Diese Frage wurde nach dem Tode Deussens im Jahre 1919 beantwortet: Der Sitz der Schopenhauer-Gesellschaft wurde nach Frankfurt verlegt und zugleich wurde das Kieler Archiv mit den Schopenhauer-Beständen der Frankfurter Bibliothek zu einer in sich geschlossenen Sammlung vereinigt, die im Jahre 1921, bei der neunten Tagung der Schopenhauer-Gesellschaft (der zweiten, die in Frankfurt stattfand), der Forschung und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte. Seither hat das Archiv, über Gunst und Ungunst der Zeiten hinweg, seiner Aufgabe gedient: im alten Bibliotheksgebäude an der Schönen Aussicht, dann im alten Manskopf’schen Hause am Untermainkai. Heute hat es im Neubau der Stadt- und Universitätsbibliothek ein Heim gefunden, das neue Möglichkeiten der Arbeit und der Wirkung erschließt.
Die Arbeiten des Archivs vollziehen sich in Verbindung mit der Schopenhauer-Gesellschaft. Sie dienen zum Teil einer Vergegenwärtigung der geistigen Umwelt Schopenhauers. Bei den Tagungen der Gesellschaft seit dem letzten Kriege, die sich der besonderen Unterstützung der Stadt Frankfurt erfreuen konnten, hat das Archiv immer wieder seine Schätze an Bildern, Handschriften, Büchern und Erinnerungsgegenständen in eindrucksvollen Ausstellungen zeigen können. Auch heute kann es das Thema „Schopenhauer und Frankfurt“, das wir uns gestellt haben, in einer schönen, das Frankfurt Schopenhauers in Bildern der Stadt und der Persönlichkeiten aus seinem Umkreis umgreifenden Ausstellung anschaulich werden lassen. Die Ausstellung konnte durch Leihgaben anderer städtischer Sammlungen, des Historischen Museums und des Freien Deutschen Hochstifts in dankenswerter Weise bereichert werden.
Aber die museale Aufgabe einer Bewahrung und dauernden Vergegenwärtigung dessen, was vergangen ist, tritt zurück vor den größeren Aufgaben, mit denen das Archiv der Wissenschaft dient: Es hat fremde Arbeiten durch Auskünfte und Hinweise zu fördern, es hat vor allem auch einige Forschungs- und Editionsaufgaben, in Verbindung mit der Schopenhauer-Gesellschaft, zu lösen. Diese Arbeiten finden ihren Niederschlag zum Teil im Schopenhauer-Jahrbuch, das seit 1951 in dem Frankfurter Verlag Waldemar Kramer erscheint, zum Teil in umfangreicheren Veröffentlichungen, etwa in dem jetzt fertiggestellten und in Druck gehenden Katalog von Schopenhauers Bibliothek oder in der seit langem geforderten Kritischen Nachlaßausgabe, deren erster Band ebenfalls in diesem Jahre in Druck gehen wird. Immer sorglicher sind die Arbeiten des Archivs den wachsenden Bedürfnissen der Forschung und einer fortwirkenden Verlebendigung der Gestalt und des Werkes Schopenhauers in immer weiteren Kreisen des In- und Auslandes angepaßt worden. Sie beschränken sich keineswegs auf Schopenhauer und sein Werk, sie umgreifen mit den geistigen Voraussetzungen und Folgen dieses Werkes den gesamten Umfang der philosophischen Probleme aller Zeiten und verbinden die Gedanken Schopenhauers mit den Anliegen der Gegenwart.
Im Sinne dieser Aufgabenstellung glauben wir auch zu handeln, wenn wir heute versuchen, die alte, seit 1933 aufgelöste „Frankfurter Ortsgruppe“ der Schopenhauer-Gesellschaft in neuer Art, mit den Möglichkeiten, die uns heute offenstehen, zu beleben. Wir wollen im kommenden Winter in einer für weitere Kreise bestimmten Reihe von Vorträgen der Schopenhauer Tradition der Stadt Frankfurt einen neuen zusätzlichen Akzent verleihen. Es geht nicht etwa darum, den Arbeiten für Schopenhauer und sein Werk eine neue Form zu geben, deren Wert zweifelhaft wäre, wir wollen diese Arbeiten ergänzen durch die Fixierung eines örtlichen Mittel- und Ausgangspunktes für ein Wirken, das eine breitere Öffentlichkeit erreichen soll. In einer Form, die das Gemeinverständliche nicht scheut, könnten die Fragen der Aufnahme, des Fortlebens, der Dienlichkeit von Gedanken Schopenhauers in der Dichtung, in der Wissenschaft, im Umkreis unseres gesellschaftlichen Lebens angegangen werden, Fragen der Kunstanschauung und Kunsterziehung, des Rechtslebens, der Pädagogik, des Tierschutzes – Fragen, die irgendwann, in irgendeinem Zusammenhang von Schopenhauer aufgegriffen worden und uns heute, unter anderen Voraussetzungen, neu gestellt sind. Wir glauben, daß sie in dem gedachten Rahmen klärend und nutzbringend zu behandeln wären. Vielleicht – ich möchte mit Worten schließen, deren werbende Note nicht überhört werden sollte -, vielleicht könnte dieser neue Plan helfen, den Frankfurter Philosophen mehr als bisher in das wache und tätige Bewußtsein der Frankfurter Bürgerschaft zu rücken. Sollte dem Permissionisten Arthur Schopenhauer nicht das posthume Bürgerrecht erwirkt werden können?