Sitz: Frankfurt am Main
Thomas Regehly
Auf den Spuren Schopenhauers in Frankfurt
» Frankfurt ist der eigentliche Mittelpunkt von Europa.«
Wer heute durch die Obermainanlage am Rechneigrabenweiher geht, trifft dort zunächst einmal auf die Büste des Aal-Fischer, der einigen alteingesessenen Frankfurtern – zumindest dem Namen nach – noch bekannt sein dürfte. Das städtische Gartenamt hat sich Mühe gegeben, das Ensemble um diese Büste mit stählernen Sitzgelegenheiten, die zum Verweilen einladen sollen, idyllisch herzurichten. Die Menschen, die dort heutzutage ein passendes Plätzchen finden, »um die Sonne zu genießen und ein kleines Pläuschchen zu halten« (so ein Lokalblatt), können indessen den Betrachter mitunter pessimistisch stimmen und zu Gedankengängen führen, die den Horizont des wackeren Fischermannes vermutlich um ein Geringes übersteigen. Derart eingestimmt trifft man, nur wenige Schritte weiter gehend, auf ein anderes Memorial, das Schopenhauer-Denkmal. Umwuchert von Pflanzen und im Schatten hochgeschossener Bäume prangt die Büste, auf einen einfachen Steinsockel montiert. »Arthur Schopenhauer« ist auf diesem zu lesen, mehr nicht. Kaum einer kennt ihre bewegte Geschichte: Es handelt sich um eine Bronzebüste, die der Nürnberger Künstler Ch. Lenz nach dem Modell der Büste von Friedrich Schierholz gegossen hat, als es darum ging, den Philosophen und Wahl-Frankfurter an einem öffentlichen Ort zu ehren. Bereits 1883 war zu diesem Denkmal aufgerufen worden fünf Jahre vor dem 100. Geburtstag.
Aber erst 1895 konnte es enthüllt werden. Freiwillige Beiträge aus der Bürgerschaft sorgten für die Finanzierung. Dieses Ereignis wurde in der Lokalpresse ausführlich dokumentiert. Die Schlichtheit des Sockels entspricht, wie jeder sofort bemerken wird, keineswegs den ästhetischen Vorstellungen der Gründerzeit. In der Tat sah das Denkmal zur Zeit seiner Enthüllung ganz anders aus: Über einigen Stufen erhob sich ein Sockel, auf dem eine metallene Sphinx zu sehen war. Bekanntlich gab dieses auf einem Felsen vor Theben hausende Ungeheuer den Wanderern ein Rätsel auf, das keiner von ihnen lösen konnte. Sie fragte: Was ist das für ein Tier, das des Morgens auf vier, des Mittags auf zwei, des Abends auf drei Beinen geht? Erst Odipus fand die Antwort: Es ist der Mensch! Als Kind kriecht er auf allen Vieren, erwachsen geht er fest und aufrecht auf zwei Beinen und als Greis holt er sich den Stock als ein »drittes Bein« zu Hilfe. Die Sphinx selbst zierte den Sockel, das Bronzebasrelief darüber zeigte, wie es in einer zeitgenössischen Beschreibung heißt, »zwei unter mütterlicher Bewachung auf der Erde spielende Kinder, daneben Mann und Frau in der Blüte des Lebens, endlich den vom vergeblichen Haschen nach Glück ermüdeten Greis, der tief gebeugt in Charons Nachen steigt.« (A. Horne)
Zwischen Beginn und Ende dieses Lebensganges stand eine verschleierte Figur, in der rechten Hand ein Stundenglas haltend, das Zeichen der Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Irdischen, in der linken die sich in den Schwanz beißende Schlange als Zeichen der Ewigkeit. Diese allegorischen Darstellungen fanden damals keinen ungeteilten Beifall. Ein Kritiker schrieb: »Leider ist dieses Denkmal über alle Begriffe geschmacklos; das Postament gleicht einem eisernen Ofen und ist viel zu hoch.« Das Thema der Sphinx war aber durchaus glücklich gewählt. Schopenhauer vergleicht sich in seinem polemischen Traktat »Ober die Universitätsphilosophie« selbst mit Ödipus, dem prototypischen >Aufklärungsbesorgter<, wenn er schreibt: »Die uneigennützigste Aufrichtigkeit des Strebens, der unwiderstehliche Drang nach Enträthselung des Daseyns, der Ernst des Tiefsinns, der in das Innerste der Wesen einzudringen sich anstrengt, und die ächte Begeisterung für die Wahrheit, – dies sind die ersten und unerläßlichen Bedingungen zu dem Wagestücke, von Neuem hinzutreten vor die uralte Sphinx, mit einem abermaligen Versuch, ihr ewiges Räthsel zu lösen, auf die Gefahr, hinabzu stürzen, zu so vielen Vorangegangenen, in den finsteren Abgrund der Vergessenheit.« Bekanntlich war Schopenhauer der Auffassung, das Welträtsel gelöst zu haben. An einer anderen Stelle nennt er »das Daseyn selbst“ eine >,große Sphinx«, vor der Poeten und Philosophen »verwundert stehn bleiben«. Schopenhauer versuchte sich in Frankfurt auch einmal an einer eigenwilligen Popularisierung des griechischen Mythologems vom »dritten Bein«. Seinem Schuster Hieronymus erläuterte er eines Tages die „überaus populäre Sitte des Stocktragens«. Es handele sich bei dem Gehstock keinesfalls um eine potentielle Waffe, sondern der Brauch stamme >aus der grauesten Urzeit des Menschengeschlechtes, aus einer Zeit etwa, da die Menschen, wenn sie es wollten, oder wenn es ihnen der Selbsterhaltungstrieb gebot, auf allen Vieren liefen. Die Sitte des Stocktragens sei demnach entsprungen aus dem Bestreben heraus, die Arme zu verlängern und mit einem sozusagen künstlichen Gliede den Erdboden gleich den Vierbeinern berühren zu können.« Der Schuster hielt diese Erklärung für einen »guten Witz«, was Schopenhauer sehr verstimmt haben muß, denn er verschwand mit einem grimmigen Gesicht. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Sockel demontiert, allerdings nicht aus ästhetischen Gründen. Die »Reichsstelle für Metalle« sorgte dafür, daß die Verzierungen am Postament, wenig später auch die Büste und das Basrelief entfernt wurden. Eine Eingabe des Bundes der Altstadtfreunde und der Schopenhauer-Gesellschaft konnte die Einschmelzung der Büste zu kriegswichtigen Zwecken zum Glück verhindern. Sie kam zurück, wurde allerdings 1951 von nicht-staatlichen Metalldieben gestohlen und erst Wochen später leicht beschädigt in einem Trümmerkeller wieder aufgefunden. 1952, am 21.9. (Schopenhauers Todestag>, konnte das Denkmal, mit restaurierter Büste und auf dem schlichten Steinsockel, nicht weit von seinem früheren Standort entfernt, erneut enthüllt werden. Die lebensgroße Büste von Schierholz selbst, nach der Lenz gearbeitet hatte, stand lange Zeit im Treppenhaus der Frankfurter Stadtbibliothek, vor dem Eingang zum damaligen Schopenhauer-Archiv. Sie wurde 1944 mit der Bibliothek zerstört. Kaum bekannt ist, daß Schierholz in den Jahren 1892/93 auch eine überlebensgroße, 2,60 m hohe Statue Schopenhauers geschaffen hat. Es handelt sich um eine Steinligur, die 1893 auf dem Dachrand des westlichen Hügels der Stadtbibliothek aufgestellt wurde. Acht »Standbilder berühmter Frankfurter, Leuchten der Wissenschaft« schmückten das Dach: Auf der Ostseite J. F. Böhmer, A. v. Lersner, Ph. J. Spener und E. Rüppell, auf der Westseite J. v. Fichard, M. Merian, G. Varrentrapp und schließlich Schopenhauer als »Vertreter der Philosophie«. Wieder sei eine zeitgenössische Beschreibung zitiert: »Während das eigentliche Denkmal im Rechneigraben nur seine Büste zeigt, erscheint er hier in ganzer Gestalt: der Körper klein und gedrungen, der Kopf gewaltig.« Der Philosoph war dem Schreiber, einem bekennenden Frankfurter, offenbar nicht ganz geheuer, wie die nächsten Sätze zeigen: »Selbst diesem finsteren Manne, der von der großen Gottesschöpfung fast nur die schlimme Seite sah und in seinen Schriften geißelte, muß unser Frankfurt als eine besonders bevorzugte Stadt erschienen sein, da er die letzten dreißig Jahre seines Lebens hier zubrachte.« Eine Abbildung dieser großen Steinfigur scheint nicht erhalten zu sein.
Man braucht nur wenige Schritte zu gehen, um von der Büste zum Ort der ehemaligen Stadtbibliothek zu gelangen. Das Gebäude wurde im 2. Weltkrieg vernichtet, nur der sogenannte »Portikus« blieb stehen und wurde restauriert. Heute sind in dem kleinen Anbau hinter dem Portal Ausstellungen moderner und postmoderner Künstler zu sehen. Die Bibliothek nannte Schopenhauer ein »kostspieliges, schönes und durch seinen Zweck ehrwürdiges Gebäude“. Alte Darstellungen zeigen den klassizistischen Bau von 1825/26 mit seinen beiden Flügeln, direkt am damals noch unbefestigten Mainufer gelegen. Die Straße davor war eine ansehnliche Promenade, die zum gemächlichen Spazierengehen einlud und auf das Fischerfeld hinausführte. Um den Portikus, den Überrest, heute betrachten zu können, empfiehlt es sich, die verkehrsreiche Straße zu überqueren und auf die Verkehrsinsel zu wechseln. Von dort aus gewahrt man auch die Inschrift in goldenen Lettern, die das Giebelfeld ziert. Ihr Wortlaut ist Schopenhauer zu verdanken. Die Stadtväter hatten in der Eile oder aus Unkenntnis einen lateinischen Spruch zusammengestoppelt, der den Unmut des Philosophen hervorrief. In seinem 1837 verfaßten »Gutachten über das Göthen zu setzende Monument« übte er deutliche Kritik. Die einleitende »Apologie des Verfassers«, in der er sich als Kenner der Antike und Sachverständiger in ästhetischen Fragen legitimiert, beginnt mit den Worten: »Ich möchte wohl mich bescheiden und bei dem Zutrauen beruhigen, daß die, welche den Willen und das Geld haben, Göthen ein Monument zu errichten, auch zur zweckmäßigsten Ausführung des edlen Vorhabens wohlberathen seyn werden.« Dem guten Willen entspricht aber bekanntlich nicht immer die erforderliche Fähigkeit, etwas auch ins Werk zu setzen. Schopenhauers „Zutrauen“ – so schreibt er – wanke, sobald er auf die Inschrift blicke, die das Gebäude „verunziert“. Sie lautete zunächst: »Studiis libertati reddita civitas, welche in 4 Worten 3 Fehler hat und fast Küchenlatein heißen könnte; wenigstens dem Cicero unverständlich seyn würde.« Die Korrektur folgt auf dem Fuße. »In ächtem Latein müßte sie lauten: >Litteris, recuperata libertate, civitas.«< Nicht »studia« für Wissenschaften und schöne Künste, sondern >litteraec<, nicht »der Freiheit (Dativ) zurückgegeben«, reddita, sondern »nach Wiedererlangung der Freiheit“, als Ablativus absolutus konstruiert. »In ganzem Ernst wäre es wünschenswerth, daß an einem schönen Morgen, in aller Stille, diese Inschrift an die Stelle der jetzigen geschoben würde, damit nicht ferner jedem Gelehrten, der die Bibliothek besucht, gleich an der Schwelle ein Lächeln oder Achselzucken abgenöthigt werde. Von der Veränderung würde die Stadt 3 Tage klatschen; aber Jahrhunderte hätten danach eine würdige Inschrift vor Augen.« Langer als ein Jahrhundert prangte das »unwürdige« Küchenlatein an besagter Stelle. Erst 1939 wurde die Inschrift nach Schopenhauers Vorschlag geändert. Schopenhauer besuchte die Bibliothek, die in unmittelbarer Nähe zu seiner Wohnung lag, oft, gezwungenermaßen unter dem falschen Text, den die schönen Krämerseelen ihren Mitbürgern beschert hatten, das Portal durchschreitend. Immerhin fand er sich im Innern gleich dem Goethe-Denkmal von Marchesi gegenüber, das seit 1840 in der Bibliothek aufgestellt war. Einmal war er mit Goethes Schwiegertochter Ottilie dort, und er schreibt von ihrem gemeinsamen Eindruck: »Wir waren beide ganz ergriffen. Sie sagte: Ja, es ist der Vater, es ist wirklich der Vater.« Schopenhauer war, wie man weiß, ein leidenschaftlicher Leser. »Ohne Bücher auf der Welt, wäre ich längst verzweifelt“, schreibt er 1822 aus Italien. Die Uferstraße in der Richtung der Alten Brücke folgend, gelangt man nach wenigen Minuten zum Ort der ehemaligen „Schopenhauer-Häuser“ in der Schönen Aussicht Nr. 17 und 16. 1843 hatte Schopenhauer sich hier niedergelassen, nach häufigen Wohnungswechseln endlich ein angemessenes Domizil beziehend. Insgesamt 16 Jahre wohnte er im Erdgeschoß der Nr. 17, bis ihn ein Streit mit seinem Vermieter dazu brachte, ein Haus weiterzuziehen. Der Grund für diesen Wechsel war der Vorwurf, im Haus fremde Hunde gefüttert zu haben. Seine Antwort ist erhalten. Erbost ließ er den Hausbesitzer wissen: »In Ihrem Hause wird kein fremder Hund gefüttert. Was außerhalb Ihres Hauses geschieht, geht Sie natürlich nichts an.« Sprach’s und zog ein Haus weiter, in die Nr. 16. Dieses Haus, großzügiger angelegt, mit einer kleinen Vorhalle und korinthischen Säulen im Treppenhaus, ist zum eigentlichen »SchopenhauerHaus« deklariert worden. 1938 bewilligte die Stadt Frankfurt Mittel, um die ehemalige Wohnung zum Schopenhauer-Museum ausbauen zu lassen. Die Räume wurden erworben und restauriert, und man kaufte zeitgenössische Möbel zur Ergänzung der noch teilweise erhaltenen Originaleinrichtung an. Die Vorarbeiten konnten 1939 abgeschlossen werden. Die geplante Eröffnung fand allerdings nicht statt: 1940 verhinderte ein Wasserrohrbruch die Übergabe der Wohnung, später waren es die Kriegsereignisse. Am 2. März 1944 wurde das Haus von Bomben getroffen und brannte völlig aus. Etwa die Hälfte der dort gelagerten Archivbestände wurde vernichtet, unter anderem auch das Bett und die Nachtmütze des Philosophen.
Wer heute die Schöne Aussicht Nr. 16 sucht, wird dort zwar auch eine Nr. 16 finden. Es gibt sogar eine Inschrift über dem Hauseingang: »In diesem Haus starb am 21.9.1860 Arthur Schopenhauer.« Ein Blick von der Alten Brücke auf das Ensemble und der Vergleich mit alten Photographien zeigt aber, daß die heutige Nr. 16 nur an dem Ort des »Schopenhauer-Hauses« mit der entsprechenden Nummer steht. Neben Schopenhauers letzter Wohnung befindet sich heute ein wüst bewachsenes Trümmergrundstück, durch Bretterzäune den Blicken entzogen.
Versuchen wir, einen Blick in Schopenhauers Wohnung zu werfen. Wie wohnte er? Arthur Hübscher hat die Räume detailliert in seinem »Lebensbild« beschrieben: »Zu beiden Seiten des Hausflurs je ein zweifenstriges Zimmer: rechts das Bibliothekszimmer, links der Wohnraum, an den rückwärts ein zum Schlafzimmer führender Alkoven grenzt. Im Wohnraum steht an der Wand gegenüber der Eingangstür ein altes mit Leder bezogenes Sofa im Louis-Philippe-Stil um 1840.« Das Sofa ist heute noch erhalten und steht im Schopenhauer-Archiv des Archivzentrums der Stadt- und Universitätsbibliothek in der Bockenheimer Landstraße 102. »Darüber hängt ein kleines Bild Goethes. >Sechzehn Hundekupferstiche< von Ridinger, Woolett und anderen sind an der Wand verteilt.« 1860 schreibt Schopenhauer amüsiert an den befreundeten C. G. Bähr, daß diese Hundekupferstiche von der Tradition, genauer: der einsetzenden Legendenbildung »allmählig belebt« worden seien: Es kursierten Gerüchte, denen zufolge der seltsame Hausbewohner seine Räume mit sechzehn Hunden teile. Auch dies gehörte zur »Komödie des Ruhms«. Hübscher schreibt weiter: »Vor dem Sofa steht ein klassisch-antiker runder Tisch. In der innersten Zimmerecke glänzt auf einer Marmorkonsole eine vergoldete tibetanische Buddhastatue«, die Schopenhauer E. Crüger verdankte. »Die Wand gegenüber dem Sofa zeigt einige Daguerrotypien Schopenhauers, ein Pastellbild seiner Mutter, Kupferstichporträts von Shakespeare und Cartesius, sowie auf einem und demselben Blatte Kant und Matthias Claudius. In der Ecke nahe dem Ofen steht auf einem Postament die Gipsbüste Wielands. Links über der Tür der Gipsabdruck eines Hundekopfes mit langen, herabhängenden Ohren, das Abbild des toten weißen Pudels, der im Herbst 1849 gestorben ist und nun einen braunen Nachfolger gefunden hat. Unfern des einen Fensters hat ein hoher Schreibsekretär seinen Platz, vom Pult blickt die Hagemannsche Kantbüste herab« ein sehr römisch wirkender, mit einer Art Toga bekleideter Kant. »Arn anderen Fenster, dem Sekretär gegenüber, steht ein viereckiger, mit Wachstuch überzogener Tisch, daneben ruht der Pudel auf einem schwarzen Bärenfell … Jenseits des Hausflurs liegt die Bibliothek«, die laut einem Nachlaß-Verzeichnis aus insgesamt 1375 Werken und Sammelbänden bestanden haben soll. Nach diesem Blick über den Bretterzaun der Vergangenheit in die Wohnung Schopenhauers empfiehlt es sich, auf die Mainbrücke zu gehen, um von dort die ehemalige Prachtstraße »Schöne Aussicht« in ihrem heutigen Zustand in Augenschein zu nehmen. Die Bäume versperren inzwischen den Blick auf das gegenüberliegende Mainufer. Dort, im Deutschherrenhaus, wohnte ein Geistesverwandter, der »Frankfürter«, dessen »Theologia deutsch« Schopenhauer sehr schätzte und brieflich dringend zur Lektüre empfahl. »Lesen Sie es ja«, schrieb er dem »alten Treu-freund« Frauenstädt, »es kostet nur 24 Silbergroschen.« Sein Exemplar mit zahlreichen Anstreichungen ist erhalten. Schopenhauer ging in den Jahren ab 1855 oft über die Brücke in das Deutschherrenhaus, um dem Maler J. Lunteschütz Modell zu sitzen. Im Westen, von der Brücke gut zu sehen, befand sich die »Mainlust« mit Musikpavillons, Lokalen und Badeanstalten, die Schopenhauer regelmäßig aufsuchte, sofern Wetter und Gesundheit es erlaubten. Das regelmäßige Bad im Main war offensichtlich damals der Gesundheit förderlich. 1848 kam es nach den Februarunruhen in Paris und der Märzrevolution in Berlin auch in Frankfurt zu einem Aufstand gegen die Nationalversammlung, die sich am 18. Mai in der Paulskirche konstituiert hatte. Selbst in der »Schönen Aussicht« fanden Straßenkämpfe statt. Im Rückblick auf diese Tage schreibt Schopenhauer: >,Aber was haben wir erlebt! denken Sie sich, am 18. September eine Barrikade auf der Brücke und die Schurken bis dicht vor meinem Hause stehend, zielend und schießend auf das Militär in der Fahrgasse, dessen Gegenschüsse das Haus erschüttern: plötzlich Stimmen und Geboller an meiner verschlossenen Stubentüre; ich, denkend, es sei die souveräne Kanaille, verrammle die Thür mit der Stange: jetzt geschehn gefährliche Stöße gegen dieselbe«, bis »die feine Stimme« seiner Magd endlich Entwarnung gibt. Es waren Österreicher, »werthe Freunde«. Schopenhauer läßt sie herein, damit sie »das Pack hinter der Barrikade« beschießen können und schickt, als diese sich anders besinnen, dem Offizier seinen großen »Opernkucker«.
Sein Resumé aus diesen politischen Wirren: »Der Himmel befreie uns von aller Freiheit«! Schopenhauer war durchaus kein Eremit, der zurückgezogen nur in seinen Büchern lebte. Er beteiligte sich sehr wohl am gesellschaftlichen Leben der Freien Reichsstadt Frankfurt. Er war Mitglied der Lesegesellschaft des Bürgervereins und der Casino-Gesellschaft, die ihren Sitz nur wenige Schritte vom Englischen Hof entfernt hatte. Dort las er regelmäßig die »Times«, zu deren Lektüre ihn bereits der Vater in frühen Jahren angehalten hatte. Daß der »Buddha von Frankfurt(c ein bestimmtes Quantum seiner kostbaren Zeit für die Zeitungslektüre bestimmt hatte, paßt – wie vieles andere auch – nicht in das übliche Bild. Schopenhauer trat ferner dem 1841 gegründeten »Verein zum Schutze der Thiere« bei und besuchte oft das Physikalische Kabinett der Senckenbergischen Stiftung, die Städelsche Gemäldegalerie und das „Nationaltheater“ der Frankfurter, das Komödienhaus. Auch öffentliche Vorträge und Experimente fanden sein lebhaftes Interesse, sofern sie sich auf sein Werk bezogen. Den »Professor des Magnetismus« aus Bergamo, Regazzoni, hörte er »3 Mal öffentlich«. Auf diese Weise kam er auch mit Freimaurern in Kontakt. Ausflüge führten ihn in den Taunus und nach Mainz, wo er den befreundeten Richter Becker, seinen „gelehrtesten Apostol“, besuchte. Mit der Bahn reiste er nach Aschaffenburg, um dort das von Ludwig 11. errichtete »Pompejanische Haus« zu besichtigen. Einige der vielen Anekdoten, die bald begannen, sich um sein Leben zu ranken, schreiben ihm sogar die Teilnahme an Jagdgesellschaften und den – erfolgreichen Besuch von Spiel-Etablissements zu. Seine Mittagsmahlzeit nahm er an der Table d’h~ote im Speisesaal des »Englischen Hofes«, dem bekanntesten Hotel der Stadt, ein. Das architektonisch bemerkenswerte Gebäude stand an der Südseite des Roßmarktes, nicht weit von der Katharinenkirche entfernt.
Vom Gutenberg-Denkmal aus läßt sich der Standort des Hotels, in dem Schopenhauer »Hof hielt«, noch ausmachen, auch das schräg gegenüberliegende Haus der Casino-Gesellschaft ist mit wenig Mühe im Geiste zu rekonstruieren, sofern man die zeitgenössischen Abbildungen zur Hand hat. Ein Bericht des französischen Staatsmannes Foucher de Careil gibt eine Momentaufnahme des Philosophen in der Gesellschaft. 1839, so schreibt er, war Schopenhauer bereits ein Greis. >,Sein blaues, lebhaftes Auge, seine dünne Lippe, weiche ein feines, sarkastisches Lächeln umspielte, seine weite, von zwei weißen Haarlocken eingerahmte Stirne drückten der von Geist und Boshaftigkeit sprühenden Physiognomie das Siegel des Adels und der Vornehmheit auf. Seine Kleider, seine Spitzenkrause und weiße Kravatte erinnerten an einen Greis aus dem Ende des Zeitalters Ludwig XV.; seine Manieren waren die eines Mannes aus der guten Gesellschaft. Sehr zurückhaltend und von einem oft bis zum Mißtrauen gehenden Naturell, verkehrte er bloß mit seinen intimsten Freunden oder den Frankfurt besuchenden Fremden. Seine Bewegungen erreichten in der Konversation oft eine außerordentliche Lebhaftigkeit. Er haßte die eitlen Wortgefechte, dafür aber wußte er um so mehr den Reiz eines gründlichen und geistvollen Gespräches zu würdigen Sein Gespräch sprudelte nur so von witzigen Einfällen, Citaten und interessanten Details und ließ die Stunden vergessen; manchmal lauschten ihm seine intimen Freunde bis Mitternacht, ohne daß sie ein Augenblick der Müdigkeit überkam oder das Feuer seines Blicks erlosch. Seine ausdrucksvollen Worte fesselten die Zuhörer, sie malten und analysierten zugleich; ein Hauch von Empfindsamkeit vermehrte noch das Feuer seiner Beredsamkeit. Vor allem zeichnete sich sein Gespräch durch eine seltene Klarheit aus. Ein Deutscher, der viel in Abessynien gereist war, war ganz erstaunt, als ihm Schopenhauer die verschiedenen Krokodilarten so detailliert geschildert hatte, daß er anfangs glaubte, es mit einem alten Reisegefährten zu tun zu haben.« Foucher schließt seinen Bericht mit den Worten: »Glücklich diejenigen, denen es vergönnt war, diesen letzten der Kauseure aus dem Zeitalter des vorigen Jahrhunderts zu hören! Er war in dieser Hinsicht ein Zeitgenosse Voltaires, Diderots und Chamforts.« Ein anderer Freund, Georg Römer, bestätigt diesen Eindruck und meint: »Höchst merkwürdig ist es …, wie man Schopenhauer einer einsiedlerischen Zurückgezogenheit hat beschuldigen können.« Der Gang auf den Spuren Schopenhauers führt weiter.
Es bietet sich an, als nächste Station das Schopenhauer-Archiv aufzusuchen, in dem unter anderem die erhaltenen Gegenstände des persönlichen Gebrauchs aufbewahrt werden- Serviettenring, Rasiermesser, Eßbesteck, Brille, vor allem die Flöten. Auch das Sofa, auf dem er starb, steht dort. Die Tapete des einen Raumes konnte – dank einer großzügigen privaten Spende – originalgetreu restauriert werden. An den Wänden hängen die berühmten Porträts: das wunderbare Jugendbildnis von Ruhl und die Altersbilder von Lunteschütz, Hamei und Goebel. Angesichts der Dinge, die wie Reliquien in den Vitrinen liegen, sorgfältig vor unbefugtem Zugriff geschützt, ist die Erinnerung an den Alltag des Philosophen, das gelebte Leben, am Platze, so wie es der erste Biograph, W. v. Gwinner, überliefert hat. »Sommer wie Winter pflegte er zwischen sieben und acht Uhr morgens aufzustehen; dann wusch er sich den ganzen Oberkörper mit einem großen Schwamm und tauchte das Gesicht mit offenen Augen in kaltes Wasser. Dies hielt er zur Stärkung des Sehnervs für nützlich. Den Kaffee bereitete er sich selbst zu. Danach arbeitete er zwei Stunden lang, und niemand durfte ihn in dieser Zeit stören. Von elf Uhr an war er für Besucher zu sprechen. Nachdem er dann noch eine halbe Stunde Flöte gespielt hatte, rasierte er sich selbst und zog sich zum Mittagessen an. Zu diesem erschien er im Hotel stets in Frack und weißer Binde. Nach dem Essen schlief er eine Stunde zu Hause, trank dann seinen Nachmittagskaffee und unternahm darauf einen weiten Spaziergang, begleitet von seinem Pudel. Wenn es die Jahreszeit irgend erlaubte, badete er am Nachmittag im Main – er war ein vorzüglicher Schwimmer. Nach der Rückkehr von seinem Spaziergange, auf dem er eine Zigarre immer nur zur Hälfte zu rauchen pflegte, da er den feuchten Rest für schädlich hielt, besuchte er das Kasino oder die Lesegesellschaft, genoß in seinem Hotel eine kalte Fleischspeise und ging dann ins Konzert oder das Theater, falls er es nicht vorzog, den Abend daheim bei leichter Lektüre und einer Pfeife zu verbringen. Er rauchte aus fünf Fuß langen Weichselrohren; der Rauch sollte sich in ihnen gehörig abkühlen. Sein Schlafzimmer durfte nie geheizt werden; nur in eine leichte Decke gehüllt, schlief er auch im Winter stets bei offenem Fenster.« Der kleine Gang durch Schopenhauers Frankfurt hatte den Leser bereits mit den in diesem Bericht genannten Orten vertraut gemacht: mit der Wohnung, dem Hotel » Englischer Hof «, der Mainlust, Casino¬und Lesegesellschaft. Das Archiv, aus dem vielleicht einmal – zum größeren Ruhme Frankfurts und Schopenhauers – ein Museum wird, ist der richtige Ort für einen vorläufigen Abschluß. 30 Schopenhauer-Porträts und -Büsten, 90 Manuskripte des Philosophen, 147 Briefe und Briefentwürfe, 228 Briefe von Mutter und Schwester, 339 Briefe Dritter an Schopenhauer, 79 Dokumente zur Lebensgeschichte und 441 Titel seiner Bibliothek, viele mit Anstreichungen und bemerkenswerten Randglossen von seiner Hand werden in diesen Räumen verwahrt (Stand: 1988). Der Weg könnte noch weiterführen, auf den Hauptfriedhof, zu seiner Grabstätte. »Ein Denkmal wird die Nachwelt mir errichten« schrieb der junge Schopenhauer. »Sie werden mich finden« der alte – mit beiden Sätzen hat er Recht gehabt.