Sitz: Frankfurt am Main
Matthias Koßler
Arthur Schopenhauers Leben und Werk
Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 in Danzig geboren. 1793 siedelte die begüterte Großkaufmannsfamilie nach Hamburg um, wo Schopenhauer, nachdem er zwei Jahre bei einer befreundeten Familie in Le Havre zur Erlernung der französischen Sprache verbracht hatte, eine Privatschule besuchte und anschließend eine Kaufmannslehre antrat. Die Lehre trat er auf Wunsch des Vaters und gegen seine der Bildung zugewandten Neigungen an. Dieser Entscheidung half der Vater durch die Gewährung einer mehrjährigen Bildungsreise durch Europa nach. Die Reisetagebücher des damals Siebzehnjährigen enthalten schon manche Äußerungen, die auf das vorausdeuten, was Schopenhauer später im philosophischen System über das Leiden in der Welt und die befreiende Wirkung von Schönheit und Erhabenheit sagt.
 
Nach dem Tode des Vaters 1805 ließ sich die Mutter, Johanna, zusammen mit der Schwester, Adele, in Weimar nieder. Schopenhauer brach 1807 die Kaufmannslehre ab und besuchte die Schule in Gotha und Weimar. Bis zu seinem Lebensende lebte er nun von der Hinterlassenschaft seines Vaters. 1809-1813 studierte er an den Universität Göttingen und Berlin, Medizin, Naturwissenschaften, Geschichte, Mathematik, Sprachen und in zunehmendem Maße Philosophie u. a. bei G. E. Schulze, Fichte und Schleiermacher. Aufgrund seiner Dissertation Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde wurde er 1813, nachdem er Berlin wegen der herannahenden Kriegswirren verlassen hatte, von der Universität Jena zum Dr. phil. promoviert.
 
In der Dissertation entwickelte Schopenhauer in Anknüpfung an die Transzendentalphilosophie Kants seine Erkenntnistheorie, die er weitgehend in sein späteres System übernahm. Demnach ist Objekt einer Erkenntnis zu sein gleichbedeutend damit, Vorstellung für ein Bewußtsein zu sein, und jede Vorstellung steht mit anderen Vorstellungen in einer gesetzmäßigen Verbindung, die der Satz vom Grunde in vierfacher Form gemäß den verschiedenen Klassen von Objekten, den reinen Anschauungen, den empirischen anschaulichen Vorstellungen, dem Subjekt des Wollens und den Begriffen ausdrückt. Bereits während der Arbeiten zur Dissertation und in unmittelbarem Anschluß daran entwickelte Schopenhauer Gedanken zur Konzeption eines „besseren Bewußtseins“, das unabhängig von den Formen des Satzes vom Grunde ist und in der ästhetischen Kontemplation sowie im moralischen Handeln gegeben ist. Indem dem vorstellenden Bewußtsein die Leiden und Übel der Welt und dem besseren Bewußtsein die Befreiung von denselben zugeordnet werden, vermitteln diese in den nachgelassenen Manuskripten zu findenden Ansätze zwischen den frühen Erlebnissen und der soteriologischen Komponente des Hauptwerks. Wenn Schopenhauer als einen Grundzug seiner Methode hervorhebt, daß seine Philosophie in erster Linie aus der Erfahrung, aus unmittelbarer Anschauung geschöpft ist, so ist dennoch unbestreitbar, daß die Gestalt der ausgereiften Philosophie durch Anregungen aus dem Studium und der ausgiebigen Lektüre philosophischer Werke erheblich beeinflußt ist. Neben Platon und Kant, die Schopenhauer selbst als alleinige Leitsterne anerkennt, waren insbesondere Fichte und Schelling für die Ausbildung der Lehre vom Willen (ab 1814) und von den Ideen bedeutsam. Nicht zu vergessen ist auch seine Beschäftigung mit dem Buddhismus und Hinduismus, die seit 1814 nachweisbar ist und von der insbesondere seine Ethik geprägt wurde.
 
In dieser Zeit befand sich Schopenhauer bei Mutter und Schwester in Weimar. Durch Vermittlung der Mutter, die einen literarischen Salon in der Stadt unterhielt und später auch selbst als Autorin von Romanen und Reisebeschreibungen bekannt wurde, trat er in nähere Beziehung zu Goethe, an dessen Farbenlehre er regen Anteil nahm. Seine eigene Theorie, die an Goethes Farbenlehre anknüpft, aber in ihrer subjektphilosophischen Ausrichtung ebenso von ihr abweicht, veröffentlichte er 1816 in der Schrift Über das Sehn und die Farben. Die seit dem Tod des Vaters zunehmenden Spannungen mit der Mutter führten 1814 zum endgültigen Zerwürfnis. Schopenhauer zog nach Dresden, wo er sich in den Jahren 1814-1818 ganz der Abfassung des Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung widmete, das im Dezember 1818 (mit Jahreszahl 1819) bei Brockhaus in Leipzig erschien.
 
Obwohl das Hauptwerk in vier Bücher gegliedert ist, die sich den klassischen Disziplinen Erkenntnistheorie, Metaphysik (Naturphilosophie), Ästhetik und Ethik zuordnen lassen, ist in ihm, wie Schopenhauer in der Vorrede erklärt, nur „ein einziger Gedanke“ ausgedrückt. In einer handschriftlichen Aufzeichnung hat Schopenhauer diesen Gedanken in den Ausdruck gefaßt: „Die Welt ist die Selbsterkenntnis des Willens“. Das erste Buch betrachtet die Welt als Vorstellung entsprechend der in der Dissertation entwickelten Erkenntnislehre unter dem Gesichtspunkt des Satzes vom Grunde, der alles, was Objekt der Erfahrung und der Wissenschaft werden kann, bestimmt. Hier nun wird aber dieser Gesichtspunkt als ein abstrakter bezeichnet, weil er von dem inneren Wesen der Dinge absieht, das, dem Erkennen nach dem Satz vom Grund unzugänglich, dessen Verknüpfungen zugrundeliegt. Aufschluß über das Wesen der Dinge erhält der Mensch, weil er sich selbst in seiner Leiblichkeit nicht nur wie andere Objekte von außen erkennt, sondern selbst das innere Wesen seines Leibes ist, das er als „Wille“ unmittelbar erfährt. Indem die Leibeserkenntnis als Schlüssel zur Deutung des Wesens aller Dinge dient, wird im zweiten Buch die Welt als Wille betrachtet. Damit ist indessen die Untersuchung noch nicht abgeschlossen, denn die Reflexion, die auf die Betrachtung der Welt als Wille führt, verfährt nach dem Satz vom Grund, ist also abstrakt und inadäquat. Eine adäquate Erkenntnisweise findet Schopenhauer in der ästhetischen Kontemplation, in der die Vorstellung unabhängig vom Satz des Grundes als Idee angeschaut wird und die Gegenstand des dritten Buches ist. Insofern jedoch der Wille den Inhalt der Idee ausmacht, ist seine Selbsterkenntnis erst dann vollendet, wenn Erkennen und Handeln zur Einheit kommen und der Wille sich selbst als das die Erkenntnisform des Satzes vom Grund hervorbringende Prinzip ver-neint. Die Verneinung des Willens ist das Thema des vierten und letzten Buches und führt über die Ethik des Mitleids bis zur völligen Aufhebung des Willens zum Leben in der Resignation bzw. Askese. So verbindet sich mit dem theoretischen Konzept des „einen Gedankens“ die praktisch-ethische Ausrichtung auf die Erlösung von dem Leiden und Übel, das mit der Welt als Vorstellung verbunden ist.
 
Aufgrund des Hauptwerks habilitierte sich Schopenhauer 1820 an der Berliner Universität, der er als Privatdozent bis 1832 angehörte, dort las er aber nur ein einziges Semester. 1833 ließ er sich endgültig in Frankfurt am Main nieder. Während seine Philosophie weiterhin keinerlei Resonanz erfuhr, schrieb er einige kleinere Werke, die Teilaspekte seines Systems, an dem er keine wesentlichen Änderungen mehr vornahm, behandelten. In Über den Willen in der Natur (1836) kam es ihm vor allem darauf an, zu zeigen, daß seine Lehre mit den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in Einklang stand. 1839 und 1840 nahm er mit den Schriften Über die Freiheit des Willens und Über die Grundlage der Moral an Preisausschreiben der Dänischen und der Norwegischen Sozietät der Wissenschaften Teil. Die beiden Preisschriften erschienen 1841 unter dem Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik. 1844 erschien die zweite, vermehrte und durch eine zweiten Band ergänzte Auflage des Hauptwerks, und 1851 brachte er die Parerga und Paralipomena heraus, die neben weiteren Zusätzen zum Hauptwerk thematisch geordnete Gedanken, kürzere Abhandlungen (u. a. die Metaphysik der Geschlechtsliebe), aber auch die recht unabhängig von seiner Philosophie verfaßten „Aphorismen zur Lebensweisheit“ enthielten und die seinen nun schnell wachsenden Ruhm begründeten. Zu ihm trug auch in erheblichem Maß ein 1853 in einer englischen Zeitschrift erscheinender Artikel bei, der ihn als einen zu Unrecht vergessenen Philosophen vorstellte. Am 21. September 1860 starb Schopenhauer in Frankfurt, in einer Zeit, in der er zu einem der einflußreichsten Denker in Europa wurde. Neben so unterschiedlichen Philosophen wie Wittgenstein und Nietzsche zählten sich vor allem Künstler und Schriftsteller zu seinen Anhängern, aber auch Wissenschaftler wie S. Freud und C. G. Jung griffen seine Gedanken auf.